Der Expertenrat Gesundheit und Resilienz der Bundesregierung hat in zwei Stellungnahmen ein grundsätzliches Umdenken in der Gesundheitspolitik gefordert: Nicht die Behandlung von Krankheiten solle mehr im Fokus stehen, sondern das Gesunderhalten der Bürger.
Die Experten plädieren für einen Paradigmenwechsel hin zu einem umfassenden Gesundheitsverständnis, das über eine reine Krankheitsfokussierung hinausgeht.“, heißt es in der Stellungnahme Gesundheit: Ganzheitlich denken, vernetzt handeln. Maßnahmen zum Schutz und Erhalt von Gesundheit müssten deshalb sowohl den einzelnen Menschen als auch die Bevölkerung beziehungsweise Bevölkerungsgruppen adressieren.
Gefordert wird eine umfassend verstandene Gesundheit, die gesetzlich verankert wird und als Grundlage für die Umsetzung durch alle Politikbereiche und Ressorts, Behörden und Institutionen sowie für die Bereitstellung finanzieller und personeller Ressourcen dient.
„Die ganzheitliche Perspektive auf Gesundheit zielt darauf, gesunde und nachhaltige Lebenswelten zu schaffen. Dafür sind vernetztes Denken und Handeln unverzichtbar.“ Gesundheits-, Verkehrs-, Arbeits-, Sozial-, Umwelt-, Wirtschafts-, Bildungs- und Digitalpolitik als auch Raum- und Stadtplanung müssten zusammenarbeiten, um das gemeinsame Ziel der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit zu verfolgen.
Schlüssel zur resilienten Gesellschaft
Die Expert*innen sehen den Schlüssel zu einer resilienten und gerechten Gesellschaft darin, dass Gesundheit nicht nur als bloße Abwesenheit von Krankheit verstanden wird. Ein echter Perspektivwechsel also.
Sie betonen, dass wir aktuell enorme finanzielle und personelle Ressourcen gebrauchen, um Menschen zu behandeln – nur um sie in die Lebensumstände zurückzuschicken, die sie krank gemacht haben. Allein im Jahr 2021 galten in Deutschland 203.000 Todesfälle als vermeidbar. Statt immer nur die Symptome zu bekämpfen, müssten die Ursachen angegangen werden. Anstatt nur Menschen mit Diabetes zu behandeln, sollte mehr in gesundheitsförderliche Umwelten investiert werden. So könnte eine stärkere Förderung einer aktiven Mobilität zum Beispiel sowohl Luftverschmutzung reduzieren als auch Diabetes verhindern.
Da Armut, soziale Belastungen, ungünstige Wohn- und Umweltbedingungen, mangelnder Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung sowie fehlende Solidarität die Verwirklichung von Gesundheit im Alltag erschweren, müsse ein besonderes Augenmerk auf die Verbesserung der gesundheitlichen und umweltbezogenen Chancengerechtigkeit gelegt werden, so die Expert*innen.
Konsequent auf Prävention setzen
Die zweite Stellungnahme des Expertenrats befasst sich mit der Stärkung der Resilienz des Versorgungssystems durch Präventionsmedizin. Der Krankenstand in Deutschland sei auf einem historischen Höchststand. Gleichzeitig stehe das Gesundheitssystem durch den demografischen Wandel, Fachkräftemangel und steigende Kosten vor enormen Herausforderungen.
In Deutschland würden häufig kurative Maßnahmen, die auf die Heilung einer Erkrankung ausgerichtet sind, priorisiert, während Gesundheitsförderung und Prävention eine nachrangige Bedeutung hätten. Die Antwort könnte laut den Expert*innen nur sein, konsequent auf mehr Prävention und Gesundheitsförderung zu setzen.
Es brauche individualisierte Präventionsangebote, die jeden einzelnen gezielt ansprechen. Die Maßnahmen müssen dort ankommen, wo sie sollen und dort auch wirksam sein. Nur eine evidenzbasierte Präventionsmedizin sei effektiv, nachhaltig und wirtschaftlich.
Quelle: 3. Stellungnahme des ExpertInnenrats „Gesundheit und Resilienz“, 20.09.2024
Der Expertenrat wurde im März dieses Jahres von der Bundesregierung als Nachfolgeorganisation des Coronaexpertenrats eingesetzt. Er besteht aus 23 Mitgliedern, von denen auch einige Teil des Coronaexpertenrats waren beziehungsweise Teil der Regierungskommission Krankenhaus sind.
